Wissensgenese - Erkenntnisgewinn
Was ist das Sündige am Sündenfall? Langsamer. Besser vielleicht zu fragen: Haben Nahrungsaufnahme und Erkenntnisgewinn etwas miteinander zu tun?
Die monotheistische Religionen geben eine je eigene Antwort auf die beiden Fragen. Für Islam und Judentum ist die Nahrungsaufnahme, der Apfel, das Sündige am Sündenfall, kodiert in den strikten Nahrungsverboten - das Christentum geißelt den Erkenntnisgewinn. "Du darfst zwar alles essen, aber nicht alles wissen."
Oder ist es nicht so einfach? Die Geschichte von Adam, Eva, dem Apfel und der Schlange unterscheidet nicht. Kann es sein, dass zur Entstehungszeit und Niederschrift der Erzählung eine illiterale Mehrheit diese Unterscheidung gar nicht machen konnte? Womöglich die Erfindung des Monotheismus der erste Schritt zum Aufbrechen dieser kognitiven Kollusion war? Die Genesis-Bücher sind deutlich älter als das Christentum.
Nahrungsaufnahme und Erkenntnisgewinn: "Den habe ich gefressen!" ? Existiert die Nicht-Unterscheidbarkeit von Nahrungsaufnahme und Erkenntnisgewinn noch heute? "Ein Löffelchen für Opa, ein Löffelchen für Oma, ein Löffelchen für Tante A..." Von einem psychologischen Standpunkt aus wird den Säuglingen und Kleinkindern damit ein pawlovscher Reflex anerzogen. Die Weisheit, das Wissen wird mit Löffeln gegessen, nicht nur sprichwörtlich, sondern aufgrund frühkindlichen behaviouristischen Trainings.
Von wem stammt die Bemerkung: Auschwitz sei ein Akt von Kannibalismus gewesen? Welcher Überlebende hat mit dieser Bemerkung die nicht nennbare Erfahrung von Konzentrations- und Todeslager zu fassen gesucht?
Langsam. Es ist keine 50 Jahre her, dass in bestimmten Kreisen der Beiname "Kommunistenfresser" einen positiven Beiklang hatte. Können die Kommunisten froh sein, dass die phagische Intention symbolisch blieb, und nicht real wurde wie in Auschwitz?
Nahrungsaufnahme und Teilhabe an göttlichem Wirken, göttlicher Allwissenheit - der Kern des Christentums. Zentrales Ritual und meist wiederholtes "Du sollst", welches sich auf dieses Ritual bezieht: "Tut dies zu meinem Gedächtnis!" Natürlich bedarf es einer besonderen Ausbildung, das Göttliche selbst "vom Rohen zum Gekochten" zu befördern, damit es an die Gläubigen verteilt werden kann. Verfüttert werden kann - die Säuglings- oder Kleinkind-Position wiederholt sich gegenüber dem Allmächtigen und seinen Stellvertretern.
Das Christentum tradiert, propagiert das phagische Thema in seinem Kern: "Tut dies zu meinem Gedächtnis." Es mag an anderer Stelle diskutiert sein, was "zentraler" ist: Buch oder Ritual. Das Thema selbst ist jedoch sehr viel älter, wie die Geschichte vom Sündenfall zeigt. Und es entfaltet seine blutige und mörderische Wirkung auch außerhalb des Christentums. ( Bekannte Namen zur Erinnerung: Hitler, Stalin, Pol Pot, McNamara, ...) Es bleiben die Sündenböcke des Alltags, die von den Laien-Gläubigen "gefunden" - produziert - und zur Strecke gebracht werden. Der göttliche Sündenbock ist dem Sonntag und der Priesterschar vorbehalten.
Starke Indizien für eine erschreckende Möglichkeit. Der "Wille zum Wissen" in archaischster Variante - vor der Erfindung der Schrift im Allgemeinen, vielleicht sogar vor der Möglichkeit des Sprechens überhaupt.
Funktioniert das überhaupt? Haben Nahrungsaufnahme und Erkenntnisgewinn etwas miteinander zu tun? Wie soll das möglich sein - einmal ganz abgesehen von den moralischen und ethischen Implikationen? Als Newton die Gesetze der Schwerkraft entdeckte, war auch ein Apfel mit im Spiel. Allerdings nicht in seiner Funktion als Nahrungsmittel.
ist ja ein merkwürdiger Text. Erkenntnis durch Essen! Mac Donalds könnte dahinterstecken. Ich kann das nicht Ernst nehmen.
Schönes Wochenende!
goj
da muss ich doch drauf antworten. Zum einen, durch eine Dir eigene Haltung hindurch, für die der Begriff stoisch nicht ganz richtig ist, überhaupt eine Antwort bekommen zu haben - das ist eine Antwort für sich.
Zum anderen - "MacDonalds" ist möglicherweise gar nicht so ganz daneben getroffen. Falls es diese kulturweite, völlig unbewusste Disposition gibt, was ist dann über die Essstörungen wie Bulimie, Anorexie etc. zu sagen? Es wären/sind dann nicht mehr einzig den betroffenen Individuen zuzurechnende Krankheitsbilder, sondern ( auf ebenfalls unbewusster Ebene ) symbolische, nichtsprachliche Reaktion auf eine kulturelle Pathologie.
anatelos
also, jetzt noch mal ganz im Ernst. Wenn ich den Text richtig verstanden
habe (manche Fremdwörter sind mir nicht geläufig, z. B. "phagisch),
dann muss ich leider sagen, dass ich ihn für einen intellektuellen
Blödsinn halte. Natürlich gibt es verschiedene Sprichwörter, die man
auch anders verstehen kann. Und der Apfel im Paradies kann auch schnell
zu Apple-Computer und Apple-Records führen. Gutes Feld für
Verschwörungen. Aber, hilft das wirklich weiter? Selbstverständlich hat
Nahrung Einfluss auf geistige Leistungsfähigkeit - keine Frage - aber
der Rest klingt für mich doch ziemlich Sinn entleert. Es sei denn wir
stammen alle vom Neandertaler ab und sind verkappte Kannibalisten. Was
ja wohl zumindest blödsinnig ist.
Für neue Inputs bin ich offen.
Schöne Grüße
goj
ich hatte den Eindruck, dass sich das Thema erst einmal etwas setzen sollte. Daher die Pause.
"Phagische Intention" steht für "Absicht, sich einzuverleiben", eine Anleihe aus dem Griechischen. Als Ausdruck hier nur verwandt, um den Satz (vom Aufbau her) lesbar zu halten. Keine gelehrte Wichtigtuerei beabsichtigt.
Was mich freut, ist Dein Abspiel Richtung Neandertal, das ja so nicht im Text angelegt ist. In der Tat hat sich auch mir schon die Frage gestellt, ob es eine dunkle Vergangenheit gibt, im Vergleich zu der das "finstere Mittelalter" eine halbwegs gut ausgeleuchtete Zeit gewesen wäre.
Der Weg von "intellektuellem Blödsinn" zur wissenschaftlichen Neugierde und Arbeit ist nicht weit. Es reicht, wenn ein Archäologe sich die Frage stellt, was wäre, wenn an diesen Gedanken etwas dran ist - mit was für Spuren kann ich oder muss ich rechnen dann, wenn ich irgendwo in der Landschaft meinen Spaten ansetze.
Eine andere Zielrichtung, von der Perspektive "Nie wieder Auschwitz" her gesehen: das Gesammelte deutet auf einen gesellschaftlichen Eiterherd hin, für den in keiner Weise sicher gestellt ist, dass er nicht doch noch einmal platzt.
Zu guter Letzt - keep cool. Es steht nicht zu erwarten, dass ein Problem, das möglicherweise zehntausend(e) Jahre(e) alt ist, zu Deinen Lebzeiten gelöst werden kann.
In diesem Sinne, viele Grüße
anatelos