Trifunktionale Ideologie - Begriff
Entdeckt wurde das Phänomen Trifunktionale Ideologie von dem Sprachforscher, Religionswissenschaftler und Strukturalisten George Dumézil.
Bei der Untersuchung von Mythen aus dem indoeuropäischen Sprachraum - von ossetischen über indische, persische, griechische, römische bis zu germanischen Quellen - stieß er auf drei immer wiederkehrende funktionale Eigenschaften der obersten Götter, welche die Religion strukturieren:
- priesterlicher Aspekt, geheiligte Herrschaft
- kriegerischer Aspekt, gewalttätige Herrschaft
- lebensspendende, fruchtbarkeitsbezogene Aspekte
Diese kognitive Struktur hat sich über die Jahrtausende indoeuropäischer Herrschaft in Europa als immens anpassungsfähig erwiesen, so dass sie mit entsprechenden Verschiebungen sich immer wieder als gesellschaftliches Erklärungsmuster erneuern und als Strukturprinzip für eine religiöse Begründung dieser gesellschaftlichen Ideologie dienen konnte.
Besonders fruchtbar, um nicht zu sagen verführerisch ist die trifunktionale Sicht bei der Betrachtung des Problemfeldes Herrschaft. Die lebensspendenden, sich auf Fruchtbarkeit beziehenden Aspekte der Gesellschaftideologie treten zurück, die Frage der Herrschaft erscheint als ein Widerstreit zweier Machtprinzipien: zum einem auf Gewalt, Kampf, Militarismus, Krieg gestützte Herrschaft, die kriegerische Funktion - zum anderen auf Gesetz, Vertrag, Glauben, Erfüllung und Validierung von Verantwortlichkeiten gestützte Herrschaft, die priesterliche Funktion.
Verschärfte Formulierungen dieses Widerstreits der beiden ersten Funktionen gibt es zuhauf: Gott vs. Satan, Licht vs. Finsternis, etc.
Für soziologische Fragen, z.B. als Erklärungsmodell für die Gesellschaft als Ganzes ist die trifunktionale Ideologie, unabhängig von ihren jeweiligen Formulierungen, unbrauchbar. Ihren Wert - und Erfolg ! - hatte sie als Herrschaftsinstrument für die jeweiligen Oberschichten. Eine Analyse hierzu fehlt bislang vollständig.
Die Ur-Indoeuropäer lebten vermutlich in der russischen Steppe. Sie zerstörten seit ca. 5000 v.u.Z. in mehreren Wellen die Herrrschaftsstrukturen des alten matriarchalen Europas, und drangen bis nach Persien und Indien vor. Siehe dazu Marija Gimbutas, Das Ende Alteuropas. Mit diesem Hintergrund wird die Genese und immer wieder sich erneuernde Anwendung des trifunktionalen Ideologie-Strukturmusters als Herrschaftsideologie verständlich. Eine Analyse der Wirkungsweise, eine befriedigende Antwort auf die Ursachen dieses Erfolges - nicht nur Eroberung, sondern dauerhafte, befriedete Herrschaft - steht aus.
Die Grenzen des indoeuropäischen Siegeszuges, und die Gründe dafür sind unbekannt. Nur kursorische und erratische Anmerkungen sind möglich.
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Einer der bekannten Siegeszüge wurde vollzogen von Griechenlands Alexander, nach dessen frühem Tod der Zerfall seiner Eroberungen in Diadochenreiche wohl (zum Glück?) unvermeidbar war, mit allen Implikationen für eine jeweilig lokale Signatur von Herrschaft. Welche Ursachen des Zerfalls, welche lokalen Herrschaftssignaturen lassen sich finden?
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Alle spätrömischen, nach-Augusteischen Versuche, Persien zu erobern, scheiterten kläglich. Anhänger historistischer Denkschulen mögen sich das Schicksal des britischen, französischen Empires im Nahen Osten in Erinnerung rufen, um dann eine Prognose für das amerikanische Empire abzugeben.
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Hat die Erfindung des Monotheismus mit diesen Grenzen zu tun? Inwieweit ist der Zoroastrismus in Persien verbunden mit der dauerhaften gesellschaftlichen Unterschichtung des indoeuropäischen ("Herrenmenschen-")Bevölkerungsteils?
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Auch die Entstehung und der Erfolgszug des Islam über viele Jahrhunderte ist unter diesem Aspekt der Grenzziehung und letztendlichen Falls byzantinischer (christlich-orthodoxer) Herrschaft zu analysieren. Um jeglichen Missverständnissen vorzubeugen: auf diese Fragestellung reduzieren lasst sich der Islam mit Sicherheit nicht.
Trifunktionale Ideologie - Beispiele
Im folgenden wird anhand von teilweise bekannten Beispielen die Anpassungsfähigkeit des trifunktionalen Ideologie-Strukturmusters illustriert. Die Liste ist in keiner Weise vollständig. Und eine mögliche zukünftige, sich schon ankündigende Variation sollte alle Illusionen zerstören, dass mit der Aufklärung, der wissenschaftlichen Moderne das Problem trifunktionale Ideologie beerdigt wurde, oder es genügt, es als (prä-)historisches Phänomen zu betrachten und zu behandeln.
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Mittelalterlicher Feudalismus: Adel, Klerus, dritter Stand.
Die Genese des zugehörigen trifunktionalen Ideologie-Narrativs zwischen ca. 1000 u.Z. und 1214/1215 u.Z. untersucht
-> George Duby, Die drei Ordnungen
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Platon, Der Staat: Die erste schriftliche Ausarbeitung einer totalitären Gesellschaftsordnung.
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Karl Popper, Der Zauber Plato's (Die offene Gesellschaft und ihre Feinde Bd. I), untersucht den Beitrag Platons zur Zerstörung der athenischen Demokratie.
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Die archaische römische Religion: a) die republikanische Triade (Jupiter Mars Quirinius), b) die kapitolinische Triade.
Es gibt keine deutsche Übersetzung dieses wichtigen Werkes von Dumézil, aber zumindest eine englische Ausgabe des französischen Originals.
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George Dumézil, Archaic Roman Religion, Zwei Bände
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Die indische vor-vedische Religion, und die Genese der trifunktionalen Struktur durch Amalgamierung früher unterschiedener Götter. Diese Forschungsergebnisse berühren die Diskussion um die Frage der indoeuropäischen Urheimat, auch wenn Dumézil aufgrund seiner strukturalistischen Methodologie keine zeitlichen, historischen Aspekte erfassen kann.
-> George Dumézil, Mitra-Varuna
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Die Genese der christlichen Dreifaltigkeit, als Voraussetzung für die Verdrängung der archaischen römischen Religion; eine trifunktionale Binnenstruktur als Voraussetzung für die Akzeptanz des Monotheismus im indoeuropäischen Kulturkreis; eine trifunktionale Binnenstruktur als Voraussetzung zur Brauchbarkeit als Staatsreligion.
Die Zerstörung des römischen Rechtsstaats mit Hilfe der christlichen trifunktionalen Ideologie beschreibt
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Marie Theres Fögen, Die Enteignung der Wahrsager. Es ist hoch aktuell zum Vergleich mit den derzeitigen, heutigen politischen Entwicklungen, wie damals, von ca. 294 u.Z bis ca. 438 u.Z., über die Thematisierung von Wissen, Recht auf Wissen, Zugangsberechtigung zum Wissen die Transformation vollzogen wurde, sich vollzog.
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Die Rede, das Gerede vom "Ende der Geschichte" nach 1989, scheint die Entstehung eines Neo-Feudalismus im Zeichen einer Globalisierung anzukündigen. Es lassen sich viele Indizien dafür finden, das sich das westliche, archaisch indoeuropäische Unterbewusste auf dem Weg zu einer trifunktionalen Gesellschaftsideologie des aufgeklärten Zeitalters befindet:
"Kapital, Wissen, Arbeit", oder: Der fehlende Term bei Karl Marx ließe sich die notwendige Untersuchung betiteln. Die Frage nach der priesterlichen Funktion, und die Reformulierung des Herrschaftswiderstreits lassen sich schnell abklären: Was wäre eine Häresie, in dieser neuen Dreifaltigkeit? Jegliche Forschung, die ökonomische Interessen gefährden könnte, wäre häretisch in einem ungebremst kriegerischen Kapitalismus. Und jenseits dieses herrschaftlichen Widerstreits drohen, wie aktuell zu beobachten, den Interessen des Terms Arbeit marginale Be- oder gar völlige Missachtung. Demokratie? Warum nicht, solange hinreichend viele Abgeordnete käuflich/bestechlich/erpressbar sind; der Vertreter des Wahlkreises als der Vertreter des Unternehmens xyz aus dem Wahlkreis. Die Transformation hat längst begonnen, die Veränderung des Begriffs "Kapitalismus" als Bezeichnung einer Wirtschaftsordnung hin zu einer Bezeichnung einer Gesellschaftsordnung ist schon erkennbar.
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Nico Stehr, Arbeit, Eigentum und Wissen. Nico Stehr scheint mit seinen Beiträgen zu einer Wissenssoziologie zu wiederholen, was George Duby für den mittelalterlichen Feudalismus erforscht hat. In langsamen Schritten fügt sich ein neues trifunktionales Ideologie-Narrativ zusammen. Hier zeigt sich ein erster Versuch schon auf Buchttitel-Ebene.
Trifunktionale Ideologie - Literaturübersicht
Duby, George: Die drei Ordnungen. Suhrkamp, Frankfurt/Main 1986 (stw 596)
Dumézil, George: Archaic Roman Religion I, II. University of Chicago Press, Chicago 1970
Dumézil, George: Mitra-Varuna. Zone Books, New York 1988
Fögen, Marie Theres: Die Enteignung der Wahrsager. Suhrkamp, Frankfurt/Main 1997 (stw 1316)
Fukuyama, Francis: Das Ende der Geschichte. Kindler, München 1992
Gimbutas, Marija: Das Ende Alteuropas. Innsbruck 1994
Popper, Karl: Die offene Gesellschaft und ihre Feinde I. Mohr Siebeck, (8. Auflage) Tübingen 2003
Stehr, Nico: Arbeit, Kapital, Wissen: zur Theorie von Wissensgesellschaften. Suhrkamp, Frankfurt/Main 1994