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07:17 January 05, 2026

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Trifunktionale Ideologie

Begriff
Beispiele
Literatur

Trifunktionale Ideologie - Begriff

Entdeckt wurde das Phänomen Trifunktionale Ideologie von dem Sprachforscher, Religionswissenschaftler und Strukturalisten George Dumézil.

Bei der Untersuchung von Mythen aus dem indoeuropäischen Sprachraum - von ossetischen über indische, persische, griechische, römische bis zu germanischen Quellen - stieß er auf drei immer wiederkehrende funktionale Eigenschaften der obersten Götter, welche die Religion strukturieren:

Diese kognitive Struktur hat sich über die Jahrtausende indoeuropäischer Herrschaft in Europa als immens anpassungsfähig erwiesen, so dass sie mit entsprechenden Verschiebungen sich immer wieder als gesellschaftliches Erklärungsmuster erneuern und als Strukturprinzip für eine religiöse Begründung dieser gesellschaftlichen Ideologie dienen konnte.

Besonders fruchtbar, um nicht zu sagen verführerisch ist die trifunktionale Sicht bei der Betrachtung des Problemfeldes Herrschaft. Die lebensspendenden, sich auf Fruchtbarkeit beziehenden Aspekte der Gesellschaftideologie treten zurück, die Frage der Herrschaft erscheint als ein Widerstreit zweier Machtprinzipien: zum einem auf Gewalt, Kampf, Militarismus, Krieg gestützte Herrschaft, die kriegerische Funktion - zum anderen auf Gesetz, Vertrag, Glauben, Erfüllung und Validierung von Verantwortlichkeiten gestützte Herrschaft, die priesterliche Funktion.

Verschärfte Formulierungen dieses Widerstreits der beiden ersten Funktionen gibt es zuhauf: Gott vs. Satan, Licht vs. Finsternis, etc.

Für soziologische Fragen, z.B. als Erklärungsmodell für die Gesellschaft als Ganzes ist die trifunktionale Ideologie, unabhängig von ihren jeweiligen Formulierungen, unbrauchbar. Ihren Wert - und Erfolg ! - hatte sie als Herrschaftsinstrument für die jeweiligen Oberschichten. Eine Analyse hierzu fehlt bislang vollständig.

Die Ur-Indoeuropäer lebten vermutlich in der russischen Steppe. Sie zerstörten seit ca. 5000 v.u.Z. in mehreren Wellen die Herrrschaftsstrukturen des alten matriarchalen Europas, und drangen bis nach Persien und Indien vor. Siehe dazu Marija Gimbutas, Das Ende Alteuropas. Mit diesem Hintergrund wird die Genese und immer wieder sich erneuernde Anwendung des trifunktionalen Ideologie-Strukturmusters als Herrschaftsideologie verständlich. Eine Analyse der Wirkungsweise, eine befriedigende Antwort auf die Ursachen dieses Erfolges - nicht nur Eroberung, sondern dauerhafte, befriedete Herrschaft - steht aus.

Die Grenzen des indoeuropäischen Siegeszuges, und die Gründe dafür sind unbekannt. Nur kursorische und erratische Anmerkungen sind möglich.

Trifunktionale Ideologie - Beispiele

Im folgenden wird anhand von teilweise bekannten Beispielen die Anpassungsfähigkeit des trifunktionalen Ideologie-Strukturmusters illustriert. Die Liste ist in keiner Weise vollständig. Und eine mögliche zukünftige, sich schon ankündigende Variation sollte alle Illusionen zerstören, dass mit der Aufklärung, der wissenschaftlichen Moderne das Problem trifunktionale Ideologie beerdigt wurde, oder es genügt, es als (prä-)historisches Phänomen zu betrachten und zu behandeln.

Trifunktionale Ideologie - Literaturübersicht

Duby, George: Die drei Ordnungen. Suhrkamp, Frankfurt/Main 1986 (stw 596)

Dumézil, George: Archaic Roman Religion I, II. University of Chicago Press, Chicago 1970

Dumézil, George: Mitra-Varuna. Zone Books, New York 1988

Fögen, Marie Theres: Die Enteignung der Wahrsager. Suhrkamp, Frankfurt/Main 1997 (stw 1316)

Fukuyama, Francis: Das Ende der Geschichte. Kindler, München 1992

Gimbutas, Marija: Das Ende Alteuropas. Innsbruck 1994

Popper, Karl: Die offene Gesellschaft und ihre Feinde I. Mohr Siebeck, (8. Auflage) Tübingen 2003

Stehr, Nico: Arbeit, Kapital, Wissen: zur Theorie von Wissensgesellschaften. Suhrkamp, Frankfurt/Main 1994